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27. März 2020

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«Es gibt kein Recht auf Gesundheit»

Interview: Lydia Lippuner

Bei Hausarzt und Akupunkteur Claudio Lorenzet in Bergdietikon klingelt das Telefon in den letzten Tagen beinahe ununterbrochen. Die Praxisassistentinnen klären ab, welche Patienten zum Arzt kommen müssen und welche zu Hause bleiben sollen. Eine schwierige und zeitraubende Aufgabe. Zwischendurch desinfizieren sie den Eingangsbereich. Zum Schutz vor Infektionen müssen die Patienten neu vor der Praxistüre warten und werden erst reingeholt, wenn das Wartezimmer leer ist. Im Gespräch erzählt Lorenzet, wie sich die Patienten am besten schützen können und welche Probleme ihm derzeit begegnen.

Sie sind sehr aktiv auf Facebook und posten immer wieder Gedanken zur Coronakrise.
Claudio Lorenzet: Ja, ich will den Leuten die Realität zeigen. Wo die Wahrheit liegt, kann ich nicht sagen. Doch es gibt noch mehr als die aktuelle Krise. Man sollte sie in Relation zu anderen Situationen setzen. Die Medien verzerren die Realität stark, das löst Angst aus.

Was wollen Sie erreichen?
Ich möchte den Menschen die Angst nehmen. Jetzt muss man Ruhe bewahren und trotzdem die Situation ernst nehmen. Die Leute sind isoliert. Die Älteren haben weniger Mühe damit, aber für die Jungen ist es schwer. Aufgrund der Isolation gibt es Probleme zu Hause, manche kommen in finanzielle Engpässe, andere fallen in ein psychisches Tief.

Kommen solche Leute auch zu Ihnen?
Ja, manche haben gar suizidale Gedanken. Andere werden vor lauter Angst aggressiv. Gedanken an den Tod begleiten uns neuerdings täglich. Der Mensch muss lernen loszulassen, nicht nur zu nehmen. Im Moment müssen wir uns solidarisch zeigen, aber gleichzeitig auch Abstand halten.

Wie beurteilen Sie die Situation?
Die Massnahmen des Bundes stelle ich nicht in Frage. Ob sie richtig sind, weiss ich nicht. Ich sehe aber, dass die momentane Angst zu grossen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen führt. Den Leuten diese Angst zu nehmen, ist schwer. Das Zusammenrücken sehe ich positiv.

Hat die Krise für Sie weitere positiven Auswirkungen?
Als Arzt gesehen keine. Doch gesellschaftlich gibt es viele. Wir haben beispielsweise keine Spannungen mehr zwischen Religionen, Parteien oder Nationalitäten.

Was braucht es, um mit dieser Krise klarzukommen?
Die Psyche ist das Wichtigste, um die Krise zu bewältigen. Man kann mit dem Verstand Dutzende Artikel lesen, doch die Psyche ist irrational und das Verhalten schwer zu steuern. Bald wird man einen Schuldigen suchen. Die Amerikaner beschuldigen die Chinesen, die Chinesen die Amerikaner. Das ist irrational und gefährlich.

Ihr Telefon klingelte in der letzten halben Stunde bereits einige Male. Beraten Sie die Anrufer auch am Handy?
Die Leute wollen meine Meinung zu allen möglichen Themen hören. Doch zu medizinischen Befunden nehme ich telefonisch selten Stellung.

So kommen also auch Leute mit Fieber und Husten in Ihre Praxis.
Ja, aber sie müssen draussen vor der Türe warten, bis das Personal sie herein holt. Habe ich bereits am Telefon den Verdacht auf Corona, schicke ich die Leute direkt in den Notfall.

Machen Sie auch Coronatests in Ihrer Praxis?
Ich habe schon einige Tests gemacht, aber nicht in meiner Praxis.

Was geschieht, wenn jemand positiv getestet wird?
Wenn die Patienten keine schwerwiegenden Symptome haben, schicke ich sie nach Hause. Dort müssen sie während sieben bis zehn Tagen in Quarantäne bleiben.

Welche Abklärungen können Sie per Telefon machen?
Ich erhalte beispielsweise Bilder von Hautausschlägen. Diese beurteile ich so gut es geht. Ist etwas zu komplex, muss der Patient in die Praxis kommen. Pro Tag erhalte ich rund 150 E-Mails, die ich beantworten muss. So ermögliche ich den Leuten, dass sie zu Hause bleiben können.

Gehören Sie zu den Ärzten, die noch auf Hausbesuche gehen?
Ja, ich mache etwa dreihundert Hausbesuche im Jahr. In den letzten Wochen waren es überdurchschnittlich viele. Das schätzen die Leute.

Welches Verhalten würden Sie sich von den Patienten wünschen?
Dankbarkeit und Demut vor dem Leben. In asiatischen Kulturen ist man demütig und nimmt sich selbst nicht allzu wichtig. Die Grösse zeigt sich in der Bescheidenheit. Es gibt kein Recht auf Gesundheit. Jeder muss lernen, die Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen und seine Lebensführung anzupassen.

Wie kann man das tun?
Zu Hause bleiben, Tee trinken, dem Körper Wärme, Wasser, Schlaf und genügend Rohkost geben. Zudem sollten die Leute die Balance finden zwischen sich und ihrem Umfeld.

Was steht dem im Weg?
Man sollte die Überinformation durch Zeitungen, Radio und Fernsehen vermeiden und nur noch die offiziellen Meldungen des Bundesamts für Gesundheit zur Kenntnis nehmen und die jetzige Pandemie im Vergleich zu anderen Erkrankungen sehen. Und bedenken, dass an der normalen Grippe, an Malaria, Suizid oder Verkehrsunfällen dieses Jahr weltweit mehr Leute gestorben sind als an Corona. Die mediale Hysterie tut Geist und Seele nicht gut.

Limmattaler Zeitung vom 27. März 2020

Haus- und Zahnärzte arbeiten weiter

Hausärzte und Zahnärzte stellen ihre Dienste weiter zur Verfügung – wenn auch unter anderen Bedingungen. Aufgrund der Weisung des Bundesrats dürfen sie nur noch zwingende Behandlungen ausführen. Das heisst: Patienten, die beispielsweise einen Termin für die Zahnreinigung oder eine Kontrolluntersuchung haben, müssen diesen auf später verschieben, falls er aus medizinischer Sicht nicht dringend ist. Die medizinische und zahnmedizinische Behandlung in Notfällen – wie zum Beispiel bei starken Schmerzen, einem Unfall oder einer Infektion – bleibt weiterhin gewährleistet. Um sich und die Patienten zu schützen, sind auch die Praxisassistenten gefordert. Nebst ihren täglichen Aufgaben beraten sie die Patienten zurzeit noch häufiger am Telefon. Bei Verdacht auf Coronavirus kann man sich entweder an das Ärztefon (0800 33 66 55) oder telefonisch an Hausärzte wenden. Um die Arztpraxen zu entlasten, empfiehlt es sich, vorher auf check.bag-coronavirus.ch den Online-Check mit Handlungsanweisung durchzuführen. (lyl)

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