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Der Wald – eine wundersame Lebensgemeinschaft

Im Rahmen einer spannenden Exkursion der Naturschutzgruppe erfuhren alle Interessierten von der Biologin und Umweltnaturwissenschafterin Diana Soldo, wie Bäume mit ihrer Umwelt interagieren. Es ist schlicht faszinierend, wie Bäume ihre Feinde abwehren, gleichzeitig fremde Hilfe anfordern und ihre Artgenossen warnen.

zVg

Vor einigen Jahren durfte ich einmal in einer 2. Primarschulklasse einer Lehrstunde zum Thema «Wald» beiwohnen. Der Einstieg dazu verlief ungefähr so:

Lehrer: Was ist denn eigentlich ein Wald?
Mädchen: Ein riesiges Feld, wo viele Bäume sind.
Lehrer: Und was machen die Bäume?
Bub 1: Rumstehen!
Lehrer: Aha, sind denn die Bäume allein dort?
Bub 2: Nein, im Wald leben auch Rehe, Hirsche, ein paar Vögel und manchmal Wildschweine.
Lehrer: Nur die? Oder hat es noch mehr Tiere im Wald?
Mädchen: Das hängt davon ab, in welchem Land der Wald steht. Manchmal hat es auch Bären, Wölfe, Luchse und so.
Lehrer: Also leben die Bäume dort zusammen mit vielen anderen Lebewesen?
Bub 1: Ja. Und wir sollen jetzt lernen, wie das geht?

Letzterer hatte die Absicht des Lehrers zwar schnell durchschaut, aber das Ergebnis war, offen gesagt, recht dürftig, denn die Kinder haben dafür weder einen Wald gesehen geschweige denn Bäume und ihre Mitbewohner erleben dürfen.

Aber was ist denn nun ein Wald? Um diese Frage zu beantworten, da sind wir uns wohl alle einig, sollte man nicht in einem Klassenzimmer hocken, sondern auf jeden Fall erst einmal hinausgehen und hinein in den Wald.

Viele von uns sind regelmässig im Wald. Wir gehen gern dort spazieren, wir wandern, joggen oder biken hindurch, grillieren gern an den dafür vorgesehenen Stellen, sammeln Pilze oder Kräuter und freuen uns, wenn sich mal ein Reh auf einer Lichtung blicken lässt.

Dennoch kann kaum jemand von sich behaupten, dass er wirklich weiss, wie das Ökosystem Wald funktioniert und was Bäume alles können. Nur schon zu hören, dass Bäume kommunizieren und soziale Wesen sind, lässt so manch einen skeptisch die Augenbraue hochziehen.

Die Naturschutzgruppe jedenfalls wollte das genauer wissen, und so zogen wir an einem sonnigen Septembertag los. Mit dabei war Diana Soldo, Biologin und Umweltnaturwissenschafterin, die uns das Leben der Bäume u. a. von der Seite Kommunikation, Abwehr und Nachbarschaftshilfe näherbrachte.

Zu Beginn hatten wir zwar schon eine Ahnung, dass Bäume nicht einfach nur «rumstehen», aber dennoch staunten wir nicht schlecht, was die Lebensgemeinschaft Wald wirklich so draufhat.

Selbstabwehr und Hilfe anfordern

Wie alle Pflanzen nehmen auch Bäume Berührung, Verletzung, Schall, Wind und Duftstoffe wahr und können darauf reagieren. Sie merken zum Beispiel sofort, wenn ein Käfer oder eine Raupe (oder gar viele von denen) an ihnen herumknabbert und ihnen damit eine Verletzung zufügt. Um die Bissstelle herum verändert sich dann das Gewebe und sendet in alle Teile des Baums elektrische Signale aus. Die Teile eines Baums sind somit von den Wurzeln über die Rinde, den Stamm und bis zu den Ästen und Blättern miteinander verbunden.

Ist also ein Blatt befallen, lagert der Baum Abwehr- oder Giftstoffe in die Blätter, sodass diese sich von einer schmackhaften Mahlzeit in etwas Ungeniessbares verwandeln und ggf. das Insekt sogar töten können. Eine weitere geniale Eigenschaft ist, dass der Baum sich sogar Hilfe holen kann, indem er den Speichel eines Angreifers identifiziert und entsprechende Duftstoffe abgibt, die den Fressfeind des Angreifers herbeilocken. Dieser macht sich sofort auf den Weg und dann erfreut über die Plage her und rettet damit ganz nebenbei den Baum. Ulmen und Kiefern locken zum Beispiel kleine Wespen herbei, die den Raupen den Garaus machen. Die Tierwelt weiss also die chemischen Botschaften der Bäume zu interpretieren und damit auch, welcher Fressfeind wo gebraucht wird.

Kommunikation und Nachbarschaftshilfe

Hat der Baum zunächst einmal für seine eigene Abwehr gesorgt, geht er noch einen Schritt weiter und warnt seine Artgenossen. Wer kennt nicht die Geschichte von den Schirmakazien und den Giraffen, die bereits vor Jahrzehnten in Afrika beobachtet wurde? Dort laben sich die Giraffen gern an den Blättern dieser Akazien, was denen natürlich nicht gefällt. Also lagern sie innerhalb von Minuten Giftstoffe in ihre Blätter ein und werden damit die ungebetenen Gäste los. Und nicht nur das: Gleichzeitig verströmt eine angefressene Akazie ein Gas aus, das sämtliche in der Umgebung stehenden Artgenossen warnt, sodass diese ebenfalls Giftstoffe in ihre Blätter einlagern. Die Giraffen nehmen es gelassen und ziehen weiter bis zu entfernt stehenden Bäumen, die noch nicht gewarnt wurden. Man hat aber auch beobachten können, dass die Giraffen gezielt gegen den Luftstrom zu nahestehenden Bäumen weiterziehen, da sie wissen, dass dort kein warnendes Gas angekommen ist. Ob Afrika oder Europa – unsere hiesigen Bäume verhalten sich genauso und warnen ihre Kollegen, wenn sie Schädlinge entdeckt haben.

Der sichere Funk über die Pilze

Nachrichten werden jedoch nicht nur durch chemische Duftstoffe übermittelt, sondern auch über elektrische Signale in den Wurzeln. Das Wurzelwerk eines Baums ist oft sehr breit, und nicht selten kommt es zu Überschneidungen mit den Wurzeln eines benachbarten Baums, sodass die zur Warnung dienenden Signale auch direkt ankommen. Und was die Zuverlässigkeit und Schnelligkeit der zu übermittelnden Nachrichten angeht, so sind die Pilze oder besser gesagt deren Myzel unschlagbar: Dieses dichte Netzwerk aus feinen Fäden (Hyphen) kann Nachrichten über mehrere Quadratkilometer transportieren. Man nennt es auch das «Wood Wide Web», das in der Lebensgemeinschaft Wald den Austausch über Gefahren, Trockenheit, Krankheit etc. ermöglicht und dabei auch Sträucher und Gräser einbezieht.

Bei der Kommunikation im Wald kann es sich natürlich auch um Positives handeln, so zum Beispiel, wenn Bäume angenehme Duftstoffe aus ihren Blüten verströmen, um Bienen anzulocken. Diese sorgen für die Bestäubung und werden dafür mit dem süssen Nektar der Blüten belohnt.

Was also zeichnet einen Wald aus?

Da schon ganze Buchbände nicht ausgereicht haben, diese Frage vollständig zu beantworten, wird dies auch hier nicht zu aller Zufriedenheit formuliert werden können. Nur so viel sei zusammengefasst gesagt: Ein Wald ist sicher kein Ort, wo Bäume nur rumstehen, sondern wo das Leben pulsiert und sich die Pflanzen- und Tierwelt ein geniales System erschaffen hat, miteinander zu leben, füreinander da zu sein und sich zu helfen, aber auch sich zu behaupten und zu überleben. Und vielleicht sollte man selbst einfach mal im Wald rumstehen und nichts tun ausser zu lauschen, zu beobachten und zu versuchen, diese wundersame Lebensgemeinschaft zu begreifen.

Wer mehr erfahren möchte, dem sind auf jeden Fall die wirklich lesenswerten Bücher von Peter Wohlleben empfohlen:

Das geheime Leben der Bäume
Der Wald – eine Entdeckungsreise
Das geheime Band zwischen Mensch und Natur