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8. Januar 2018

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Einmal war sie Mutter für zwei Stunden

Monika Huwiler, Asylbewerberbetreuerin der Gemeinde Bergdietikon, gab ihr Amt nach 31 Jahren ab. Es sei eine bewegende Zeit gewesen, in der sie viel erlebt, erfahren und auch gelernt habe, sagt sie. Doch wenn sie sich zurückerinnere, werde auch deutlich, dass die Zeit nicht immer nur einfach gewesen sei.

Gerade zu Beginn, damals im September 1986, als sie zum ersten Mal Kontakt mit Asylsuchenden gehabt habe, war alles neu und sie brauchte viel Geduld und Verständnis. «Damals suchte die Gemeinde nach Betreuern für die acht Kurden, die bei uns aufgenommen werden sollten», erzählt Huwiler. «Da sich niemand meldete, entschloss ich mich schliesslich dazu, mich dieser Aufgabe anzunehmen.» Am Ende hätten sich aber doch noch fünf andere Personen gemeldet, die sich dann alle gemeinsam um die Männer kümmerten. «Wir alle hatten damals zum ersten Mal Kontakt mit Asylsuchenden», sagt Huwiler. «Das Ganze war schon etwas speziell zu Beginn, auch weil wir ja nicht wussten, wie diese Männer sind.» Anfangs seien ihr die Männer ähnlich erschienen. Nachdem sie sie aber besser kennen gelernt habe, sei ihr bald aufgefallen, dass es sich um acht ganz unterschiedliche Persönlichkeiten gehandelt habe.

Mit Zeichen und Bildern

Probleme bereitete ihr jedoch die Sprachbarriere, die es zu überwinden galt. Huwiler sprach in all den Jahren immer nur Hochdeutsch, nie eine andere Sprache. «Denn sie müssen ja unsere Sprache lernen, nicht wir die ihrige», sagt sie. «Es würde keinen Sinn ergeben, wenn wir ihnen Deutschkurse zahlen, dann aber Arabisch oder Englisch mit ihnen sprechen.» Mithilfe von Zeichensprache und gemalten Bildern habe man sich mit der Zeit gut verständigen und auch voneinander lernen können. «Die Asylsuchenden lernten unsere Sprache und wir erfuhren Dinge aus ihrem Land, aus ihrer Kultur, die teilweise überraschend ähnlich wie die hiesigen Traditionen sind.»

Eine Geschichte, die Huwiler besonders in Erinnerung geblieben ist, ereignete sich am Chlausabend im Jahr 1986. «Ich lud die acht kurdischen Männer zu uns ein, als der Samichlaus vorbeikam.» Sie versuchte, den Männern die Tradition und die Bedeutung dahinter zu erklären, bis ihr einer der Männer sagte, dass der Brauch ja aus seinem Herkunftsland, der Türkei, komme.

Unbegründete Ängste

Für viele Menschen sei es damals überraschend gewesen, wie gut die Bergdietiker Bevölkerung die Asylsuchenden aufgenommen habe, sagt Huwiler. Doch für das Dorf sei es selbstverständlich gewesen: «Man wusste, überall auf der Welt ist Not, man muss etwas dagegen tun.» Viele Bergdietiker hätten die neuen Asylsuchenden auch zu sich nach Hause zu einem Nachtessen eingeladen, damit man den Kontakt zueinander gefunden habe.

Vom gemeinsamen Kontakt profitierten nicht nur die Asylsuchenden. Auch sie habe kulturell sehr viel gelernt, sagt Huwiler. Das habe sie als persönliche Bereicherung aufgefasst. «Hat man viel mit Asylsuchenden zu tun, versteht man die Angst, die ihnen viele Menschen entgegenbringen, irgendwann nicht mehr», sagt sie. Aber genau diese Ängste, die viele Menschen völlig unbegründet hätten, würden von den Medien stark aufgebauscht, sagt Huwiler. «Jede Kleinigkeit, die einen Asylsuchenden betrifft, kommt sofort in der Zeitung», sagt sie. «Die Leute wollen wissen, wenn Asylsuchende etwas falsch machen oder ein Verbrechen begehen.» Und die Presse wisse, dass solche Geschichten gut verkauft werden können.

Diese Berichterstattung mache die Leute dann kritisch gegenüber diesen Menschen, obwohl ein Grossteil der Kritik eigentlich unbegründet sei, so Huwiler. Denn viele Personen würden einfach das glauben, was in der Zeitung steht, solange es ihr Weltbild bestätige. «Sehen sie, einem Kritiker wie Andreas Glarner, der so von seiner Sache überzeugt ist, das Gegenteil zu beweisen, ergibt gar keinen Sinn. Denn er will es gar nicht wissen», sagt sie und beobachten einen Vogel, der sich draussen auf einen verschneiten Ast setzt.

Bange zwei Stunden

In all den Jahren habe sie viele berührende Momente erlebt, die ihr ewig in Erinnerung bleiben werden, sagt Huwiler. Etwas vom Eindrücklichsten, was sie je erleben durfte, seien die Geburten gewesen. Speziell blieb ihr dabei eine in Erinnerung, bei der es Komplikationen gab, wobei die Mutter fast gestorben wäre. «Es war ein 19. Dezember, ich stand im Gebärsaal, die Mutter verblutete beinahe, während das Kind zur Welt kam. Die Ärzte drückten mir das Baby in die Hand und rannten mit der Mutter in den OP-Saal», erzählt sie. Noch heute habe sie diese denkwürdigen Stunden genau vor Augen. «Ich sass zwei Stunden mit diesem Kind da, das mir nicht gehörte, ohne zu wissen, was mit der Mutter passierte.»

Die Mutter taufte das Kind dann auf den Namen Monika. Noch heute sei die Verbindung zwischen ihr, Mutter und Tochter sehr eng und intensiv, sagt Huwiler.

Doch solche Erlebnisse gehören ab dem kommenden Jahr der Vergangenheit an. Mit 74 Jahren tritt Huwiler nun nach 31 Jahren Asylbewerberbetreuung in den Ruhestand. «Die Arbeit hat mir immer sehr gefallen, aber jetzt brauche ich auch noch etwas Zeit für mich», sagt sie. «Es ist Zeit, aufzuhören. Wenn ich zurückblicke, dann kann ich sagen, dass ich es wieder machen würde, denn es war eine wunderbare Arbeit. Aber es gibt kein Zurück.»

Limmattaler Zeitung vom 30. Dezember 2017 (Kevin Capellini)

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