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2. März 2020

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Die weisse Stille stellte alles auf den Kopf

Die Geschwister Fabienne und Roger Meier aus Bergdietikon haben seit rund einem Jahr ungewöhnliche Nachbarn: Eisbären, Robben und Belugawale. Die beiden packten Hab und Gut und sind zur nördlichsten Kleinstadt der Welt aufgebrochen: nach Longyearbyen. Es ist der Hauptort der Inselgruppe Spitzbergen, die zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol liegt. Vor vier Jahren lernten die abenteuerlustigen Meiers auf einer Schiffsreise von Island nach Spitzbergen die Gegend kennen. Sie waren von der Landschaft und der Natur derart inspiriert, dass der Entscheid, dorthin auszuwandern, nicht lange auf sich warten liess. Sie schlossen sich dem jungen Team der deutschen Reisefirma «Spitzbergen Reisen» an und sind mittlerweile als Tourenguides unterwegs.

Einen Einblick in ihre weisse Wahlheimat und vielfältigen Tätigkeiten gibt der Film «Spitzbergen – auf Expedition in der Arktis», der momentan in den deutschen Kinos läuft. Im September 2018 waren die Filmemacher Christian Wüstenberg und Silke Schranz mit auf einer Tour, die von Meiers Reiseunternehmen mitorganisiert wurde. Am vergangenen Montag bot sich die einmalige Gelegenheit an, das neunzigminütige Reisedokument im Zürcher Kino Riffraff zu sehen. Eindrücklich zeigten die Bilder eine stille und unberührte Natur. Faszinierend war der Blauwal, der am Schiff vorbeizog, oder Polarfüchse, die scheu in die Kamera blickten. Die Crew ging auf Tuchfühlung mit Walrossen, deren vernarbte Haut auf Machtkämpfe hinweisen. Und ein Eisbär steckte genüsslich seine Schnauze in einen längst verwesenden Walkadaver.

Die Geschwister sind nun an einem abgelegenen Ort zu Hause. Bei der Ausfahrt weist ein Warnschild auf die möglichen Gefahren durch den Eisbären, den König der Arktis, hin. Das Mitführen eines Gewehrs ist Pflicht, wobei dieses nie zur Anwendung kommen sollte. Wie viele weitere Überraschungen in diesen Breitengraden auftauchen können, wurde im Film ebenfalls gezeigt. Seien es die zu dick gewordenen Eisflächen, die das Schiff nicht weiterfahren liessen, oder ein versperrter Zugang zu einem Canyon. Zudem mussten sie hin und wieder Routenänderungen in Kauf nehmen, weil ein Sturm wütete. Es galt, bei eisigen Temperaturen zu warten, bis eine Gletscherwand kalbte und die Massen ins Wasser stürzten. Eine Vogelschar stürzte sich auf die von der Druckwelle erfassten Fische.

An der Filmvorführung wurde auch das Wiedersehen gefeiert

Für Fabienne Meier war die Filmpremiere auch ein Abend des Wiedersehens. Denn im voll besetzten Saal sassen Freunde und Bekannte, die sich über ihren Besuch freuten und ihr in die Arme fielen. Sie alle, genauso wie sie selbst, hätten kaum erwartet, dass eine solche Reise ihr Leben verändern würde. «Es hat alles auf den Kopf gestellt und brachte eine grosse Wende», sagt sie. Sie zog es zwar nach neun Jahren als Bankangestellte bereits in die Welt, sodass sie schon auf einer einjährigen Weltreise alleine mit einem Rucksack unterwegs war. Danach absolvierte die 33-Jährige Ausbildungen zur Tauchlehrerin. Dass sie sich aber für Spitzbergen entscheiden würde, kam auch für sie überraschend. «In den letzten Monaten herrschte ein ganz anderer Tagesrhythmus dort oben, weil es im Winter ja gar nicht hell wird», sagt sie. Aber auch das habe einen Reiz. «Man macht längere Spielabende und liest mehr.»

Ihr Bruder hingegen blieb diesmal auf Longyearbyen. Ihn zog es nach achtjähriger Tätigkeit als gelernter Koch zuerst nach Finnland, um für zwei Jahre auf einer Farm mit Schlittenhunden zu arbeiten. Es seien schon immer die kälteren Gegenden gewesen, die das Herz des 30-Jährigen erwärmten, sagte der Vater der beiden, Paul Meier. Er ist Präsident der Dorfgemeinschaft Bergdietikon: «Ich weiss jetzt, was ich und meine Frau Eveline unseren Eltern angetan haben mit der Auswanderung in jungen Jahren nach New York», sagte er. Ganz einfach sei es nicht, aber es sei richtig und gut. Man müsse die Kinder ziehen lassen, und die Erfahrung sei für die beiden besonders wertvoll. «Man hat als Eltern die Aufgabe, den eigenen Kindern ein ordentliches Fundament mitzugeben, das Haus bauen müssen sie anschliessend selber», sagte er.

Der Film wurde mit lautem Klatschen gefeiert. Auf der Tour war Meiers neuer Lebenspartner Christian Bruttel als Reiseführer mit dabei. Er ist Spitzbergen seit 2012 verfallen und war ebenfalls in Zürich zugegen. «Der Film vermittelt die Stimmung, die mich seit acht Jahren dort oben festhält, und es ist kein Ende in Sicht, dass sich diese Faszination einstellen würde», sagt er.

Der Klimawandel wird mit positiven Bildern thematisiert

Eine kritische Frage kam aus dem Publikum: Wie lange es noch gehen würde, bis der Zustrom in diese Gegend politisch geregelt werde. Bisher würden Preisstruktur und die Tatsache, dass die Betten im Hauptort irgendwann voll seien, den Zustrom regeln, führte Bruttel aus. Norwegen vertrete die Ansicht, dass das Entdecken solcher Ortschaften für alle möglich sein solle. Sie verstehe sich auch als Botschafterin, sagte Meier. Die Klimaschutzthematik sei für gewöhnlich mit negativen Bildern verbunden. «Bei uns ist es genau umgekehrt: Das Schöne und die Natur werden erlebbar und regen die Reisenden zum Nachdenken an.»

Limmattaler Zeitung vom 27. Februar 2020 (Cynthia Mira)

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